Das ist mein Leben in Italien

Das ist mein Leben in Italien

Wie kommen ein paar junge Akademiker, die gerade erst eine Festanstellung bekommen haben, dazu, sich ein Rustico, eine alte Steinhütte im Hinterland des Lago Maggiore, zu kaufen? Diese Frage musste ich in den Anfangsjahren 2000 – 2005 oft beantworten. Dabei fand und finde ich diesen Schritt gar nicht so außergewöhnlich oder unkonventionell – es war einfach nur der Versuch, der Enge und grauen Tristesse deutscher Großstädte einen Gegenpol zu schenken.

Ein Zufluchtsort in der Natur

Bereits als Kind habe ich die Natur gesucht und mich hauptsächlich in den Wäldern meiner oberschwäbischen Heimat aufgehalten. Und diese Naturverbundenheit hat nie wirklich nachgelassen. Gepusht von einem guten Schuss Bergsportbegeisterung habe ich mich also irgendwann mit meiner Freundin und meinem Bruder auf die Suche nach einer kleinen Berghütte gemacht. Zuerst im deutschsprachigen Raum. Kannste vergessen! Dafür hätten wir erst mal 30 Jahre sparen müssen.

Doch wir hatten Hilfe! Was heute so selbstverständlich ist wie das morgendliche Zähneputzen, steckte damals noch in den Kinderschuhen: Das Internet. Erstmals konnte man ohne großen Aufwand auch ferne Immobilienangebote studieren und so online von der eigenen Hütte träumen.

Wir saßen also vor dem PC und vermuteten zuerst eine Betrugsmasche, als wir die Angebote eines schweizer Maklers in Norditalien durchstöberten.

„Mit geringem Aufwand sofort bewohnbar“

Da wurden Häuser zum Kauf angeboten für 50.000 DM (der Euro kam erst später), in traumhafter Lage, mit hektarweise Grund und „mit geringem Aufwand sofort bewohnbar“. Dieser letzte Hinweis hat sich uns irgendwie eingeprägt und ist heute noch der erste Kommentar, wenn wir ein eingefallenes Rustico sehen. 😉

Aber Nein – es war keine Betrugsmasche. Im Gegenteil – dieser Makler ist bis heute der einzige seiner Zunft, den ich als vertrauenswürdig, fair und absolut ehrlich kennen gelernt habe.

Es ging dann alles unglaublich schnell: Internet-Angebot studiert, Mail geschrieben, Termin vereinbart, Kurzurlaub am Lago Maggiore gebucht, Häuser besichtigt … gekauft.

Siebenschläfer
Siebenschläfer als ständige ungebetene Gäste im Haus

Wir mussten zwar tatsächlich schnell einsehen, dass wir mit leicht falschen Vorstellungen angereist waren. Denn die „sofort bewohnbaren“ Häuser hatten nicht mehr als vier Wände in Trockensteinbauweise (Natursteine ohne Mörtel aufeinander geschichtet), ein undichtes Naturstein-Dach und bestenfalls noch eine morsche, löchrige Zwischendecke aus Holzbrettern. Eben das, was der Schweizer ein „Rustico“ nennt – ein alter Stall, der in früheren Jahrhunderten auch mal als Schlafplatz für die Ziegenhirten gedient hat. Unten die Ziegen, oben das Heu und die menschlichen Bewohner. Außerdem Mäuse, Siebenschläfer, undichte Wände und Dächer und Unmengen Staub.

Dafür zu einem Preis, den wir uns leisten konnten.

Von der Ruine zum kleinen Paradies

Es hat noch einige Monate gedauert, bis wir die italienische Bürokratie beim Hauskauf hinter uns gebracht haben, dann ging’s los. Jede freie Stunde haben wir damit verbracht, die Häuser zu renovieren und zu einer komfortablen Heimat zu machen. Freitag Abend nach der Arbeit über sieben Stunden Autofahrt nach Italien, Sonntag Abend wieder zurück nach Deutschland. Jeder Urlaubstag, jedes zweite Wochenende … etliche Jahre haben wir in den Ausbau von Häusern und Grundstück gesteckt. Und sind heute noch nicht ganz fertig. Werden wir wohl auch nie … der Weg ist das Ziel 😉

Chips und Sprizz
So lässt sich’s aushalten.

Heute sind wir endlich soweit, das unvergleichlich schöne Leben am Lago Maggiore immer mehr genießen zu können. Mittlerweile kennen wir die Gegend, die Menschen, die Gepflogenheiten. Wir haben Freunde gewonnen und die Sprache gelernt. Und dieses Leben hat uns ganz in seinen Bann gezogen. So, dass zumindest ich es in Deutschland kaum mehr aushalte.

Einfach ist das Leben in abgelegenen Umfeld von Trarego-Viggiona nicht immer. Im Winter, wenn über Nacht 70 cm Schnee fallen und wir nur noch zu Fuß ins nächste Dorf gelangen. Im Frühling, wenn die Gewitter in zwei Stunden über 300 mm Regen oder 20 cm Hagel abladen und der Strom für Tage ausfällt. Und besonders dann, wenn die italienische Bürokratie zuschlägt und man zwei Jahre auf die Genehmigung für den Einbau eines Dachfensters warten muss.

Leben mit den Jahreszeiten

Sonnenblume
Wild gewachsen vor unserem Haus – ein Erbe der Winterfütterung für die Vögel.

Doch wenn ihr irgendwann die Gegend um Trarego-Viggiona kennen lernt, versteht ihr, warum ich hier nicht mehr weg möchte. Wer einmal die Blütenpracht im Frühling gesehen hat, im Sommer die Wildnis der Berge erleben durfte oder im Herbst die selbst gesammelten Kastanien im Kaminfeuer röstet, wird immer wieder hierher zurück kommen. Doch die Krönung ist der Winter. Eine solche Ruhe war mir früher komplett fremd. Eine andere, wunderschöne und jedes mal wieder faszinierende Seite des Lago Maggiore.

Es sind über Luftlinie nur wenige km zum See – gefühlt aber ein anderer Kontinent. Wo sonst in den Alpen kann ich heute noch drei Tage über die Berge wandern, ohne einem einzigen Menschen zu begegnen? In einer Landschaft, die mir immer wieder den Atem raubt. Unter Menschen, die sich noch gegenseitig grüßen und helfen.

Das ist mein Leben in Italien.

Ein Gedanke zu „Das ist mein Leben in Italien

  1. Hallo Christian,

    auf deiner ansprechenden Seite fanden wir viele Übereinstimmungen. „Wir“, der „Erlebe Abenteuer e.V.“ haben ein soziales Projekt auf Sizilien. Erlebnispädagogik, tiergestützte Therapie, Ausflüge & Ausritte mit Eseln, Ponnies, Pferden… alles noch recht abenteuerlich, auf unserem „Abenteuerberg“ mit Meerblick zu benachbarten Inseln lebt man in etwa wie Robinson Crusoe, besser natürlich, da ohne Kannibalen und mit herzensguten „Eingeborenen“ und ehrenamtlichen Helfern aus aller Welt.

    Kannst gern mal bei uns vorbei schauen. Auch gemeinsame Erkundungstouren können sich gut ergeben. In Italien, auf Sizilien und ebenso durch Europa.

    In den nächsten Jahren unternehmen wir eine weitere Reise mit unserem Großesel Herkules durch Teile Europas, auf dem hin- u./o. Rückweg könnten wir evtl. auch mal bei dir / euch vorbei kommen. Bei Interesse weiterer Kontakt via Email & telefonisch…

    http://erlebe-abenteuer.de/kontakt

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