Coronavirus und Covid-19 in Italien – ein Zwischenfazit

Geht der ganze Mist wieder von vorne los …

Eigentlich wollte ich jetzt im Herbst ein paar Zeilen drüber schreiben, dass die Pandemie in den italienischen Voralpen, speziell am Lago Maggiore, zwar einiges verändert hat, wir aber bald auf eine Normalisierung hoffen. Tja, jetzt wird’s eben ein Zwischenfazit. Vielleicht ganz interessant für alle, die wissen wollen, wie die aktuelle Lage in Italien ist. Nicht die Zahlen der Infizierten etc. – das könnt ihr woanders besser nachlesen. Sondern eher wie die Stimmung so ist, was die Pandemie mit der italienischen Mentalität so macht, was ihr beim nächsten Besuch beachten solltet und wo vielleicht Fettnäpfchen lauern.

Für mich ist die Stimmungslage in Italien immer am einfachsten zu greifen, wenn ich mit meinen Freunden und Nachbarn zusammentreffe. Und da erlebte ich in den letzten Tagen einige Überraschungen, die zeigen, dass Italien von der zweiten Welle noch stärker beeindruckt ist, als es bei der ersten Infektionswelle der Fall war.

Damals wirkte das ganze Land ein bisschen krank, als ob die Gesellschaft eine Grippe hätte, die auskuriert werden muss. Zuhause im Bett, im Kreis der Familie. Wird schon wieder werden …
Und so war auch die Freude groß, als diese Krankheit ausgestanden schien. Ich war so glücklich, als mich im Juni meine Freunde mit einem „possiamo abbracciarci?“ (Können wir uns umarmen?) empfangen haben und so unendlich viel Lebensfreude und Zuversicht ausgestrahlt haben, wie es nur Italiener können. Immer noch etwas gezeichnet von den vergangenen Wochen und Monaten, aber glücklich, optimistisch, offen.

Aus der Grippe wurde eine Depression

Ganz anders heute. Da war Italien über den Sommer der Musterknabe Europas. (Was ohnehin schon nicht oft genug vorkommt und dem Stolz der Italiener merklich gut getan hat.) Das ganze Land hat sich richtig stark gefühlt, als könnte dieser Gesellschaft mit ihrem Zusammenhalt kein Virus dieser Welt mehr etwas anhaben.

Und dann dieser Rückfall, der drastischer nicht hätte sein können. Der steilste Anstieg der Infektionszahlen, der schnell die Nachbarländer wieder überholt hat. Und wieder diese spezielle italienische Politik, die zuerst verharmlost, dann ermahnt, fordert, wieder beschwichtigt … um auf einmal in einer bemerkenswerten Form der Überreaktion alles einzureißen, was mühsam erschaffen wurde.

Italien ist wie im Schock. Dieser Schlag war einfach zu heftig. Meine Nachbarn, Freunde, Bekannte … sind auf einmal verschwunden. Sie sind nicht weg, zeigen sich auch mal und reden mit mir. Aber sie sind nicht mehr die Menschen, die ich in den letzten Jahrzehnten kennengelernt habe. Der geschäftige Nachbar, der immer irgendetwas werkelt, geht nur noch gedankenversunken im Grundstück auf und ab. Seine offene, lustige Frau lässt sich kaum mehr blicken, ist immer auf einen Abstand von vielen Metern bedacht und lacht nicht mehr. Der schelmische Witz ist komplett verschwunden. Viele der anderen Nachbarn habe ich seit 4 Wochen nicht mehr gesehen …

Alles ist träge geworden, der Verkehr, die wenigen Menschen auf der Straße, die Gespräche, die Blicke. Diese zweite Welle ist einfach zu viel, um das Leben normal weiterlaufen zu lassen, was sonst die größte Gabe der Italiener ist.
Andrà tutto bene – alles wird gut … Was im Frühling noch das Motto zum Überstehen der Pandemie war, ist verschwunden. Keine Zuversicht, keine Hoffnung, nur Resignation und Enttäuschung.

Jetzt ist Fingerspitzengefühl und Verantwortungsbewusstsein gefragt

Man spürt sie deutlich, die Angst. Da ist auch die Sorge, selbst Opfer von Covid-19 zu werden. (In Italien redet niemand von „Corona“ wie sonst überall. Hier dreht sich der Sprachgebrauch immer um „Covid“.) Doch diese Sorge steht eher im Hintergrund. Viel größer ist die Angst, dass das Leben wieder eingefroren wird. Keine Besuche, keine Familienfeste, keine spontanen Treffen mit den Nachbarn, kein Lachen mit den Kindern, geschlossene Grenzen … das alles ist für Italiener die Höchststrafe. Und diese Aussichten auf die nächsten Monate nagen sehr an der Lebensfreude der Menschen.
Weihnachten ohne Familie? Das ist in Italien absolut unmöglich. „Natale sempre con i suoi“ lässt sich nicht wörtlich übersetzen, ist aber eine Floskel, die bestimmt, dass Weihnachten im Kreis der Familie gefeiert werden MUSS. Bis Weihnachten MUSS es wieder gut sein!

Deshalb ist jetzt oberstes Gebot, die neu bestimmten Anti-Covid-Maßnahmen strikt zu befolgen und – besser noch – nur als Untergrenze der eigenen Verantwortlichkeit zu betrachten. Egal, was der Gesetzgeber noch alles verlangt, jetzt ist Über-Vorsicht Pflicht! Zwar dürfen Lebensmittelgeschäfte noch normal geöffnet haben, trotzdem machen die meisten kleineren Läden dicht. Der Mundschutz wird auch im Auto nicht abgelegt und ist in der Öffentlichkeit nicht mehr wegzudenken – selbst beim Fahrradfahren oder während der Arbeit. Unterhaltung nur mit Abstand und Mundschutz … Die Nachlässigkeit, die sich Ende des Sommers teilweise eingeschlichen hat, hat sich jetzt wieder komplett gedreht.

Und wer nicht mitmacht, riskiert einen sehr schweren Stand. Missachtung und böse Worte sind da noch das kleinste Problem. Alles, was nicht gesetzeskonform ist, wird gerne umgehend den Carabinieri gemeldet, die dann auch hart durchgreifen. Hohe Strafen sind die Folge.

Deshalb meine dringende Empfehlung: Wenn ihr euch die nächsten Wochen in Italien bewegt, solltet ihr die Anti-Corona-Maßnahmen sehr ernst nehmen, sonst kann der Aufenthalt ungemütlich und teuer werden.

Das wichtigste: Bleibt freundlich und höflich

Hoffnung ist das, was momentan nicht im Übermaß vorhanden ist. Und Normalität ist kaum mehr zu finden. Das macht die kleinen Gespräche und höfliche Gesten jetzt so wichtig. Denn nur der freundliche Kontakt zu Menschen kann einem Italiener zeigen, dass da noch eine lebenswerte Welt existiert und es Hoffnung gibt.

Doch der Sommer und die Corona-bedingten Entwicklungen im Tourismus haben leider auch ein paar Nachwirkungen hinterlassen, die nicht unbedingt positiv ankommen im (gast-)freundlichen Italien.

Waren hier in der Gegend sonst vor allem Naturliebhaber, Wanderer und Italien-Begeisterte zu Besuch, hatten wir diesen Sommer eine breitere Zusammensetzung der Urlauber in unserer Region. Natürlich kamen auch dieses Jahr wieder die willkommenen Gäste, die sich an der Gegend und der Kultur erfreuen, die beim Wandern jeden freundlich grüßen und einfach gute Laune verbreiten.
Aber diesen Sommer hatten wir leider auch Gäste, denen man schnell anmerken konnte, dass sie sonst eher im Pauschalreisemodus unterwegs sind. Menschen, die Land und Leute wie eine Fast-Food-Mahlzeit konsumieren und in Form eines digitalen Bilderalbums speichern, ohne an den Besonderheiten der regionalen Gesellschaft interessiert zu sein. Die mit dem Handy in der Hand von einem Instagram-Hotspot zum nächsten hetzen, sich verwundert die Augen reiben, wie man in einer solch öden Gegend leben möchte und einen freundlichen Gruß bestenfalls mit einem ungläubig-verwunderten, stummen Blick beantworten.

Vielleicht war es ganz gut, dass wir in den letzten Monaten eine Schwemme solcher Touristen hier hatten, weil Thailand, Dom-Rep und Australien nicht erreichbar waren. Denn das hat uns gezeigt, wie wertvoll die Gäste sind, die sich sonst so um uns herum tummeln.

Der deutsch-italienischen Freundschaft haben die zusätzlichen Touristen aber leider nicht ganz so gut getan. Zumindest konnten jetzt auch unsere italienischen Freunde erfahren, dass Deutschland oder zumindest die deutsche Gesellschaft nicht ganz so unanfechtbar toll sind, wie sie immer gedacht haben.

Also spiele ich mal wieder den Oberlehrer und weise darauf hin, dass in den ländlichen Gebieten Italiens (und dazu zähle ich auch den Lago Maggiore samt Hinterland) Freundlichkeit und Höflichkeit ein absolutes Muss sind.
Ich weiß ja, dass die Unsicherheiten mit der fremden Sprache oft als Grund herhalten, warum man dann etwas distanzierter wirkt als man eigentlich ist. Aber ein höflicher Gruß tut ganz sicher noch nicht weh. Und selbst, wenn die Oma dann auf italienisch anfängt, zu erzählen oder Fragen zu stellen, ist das noch kein Weltuntergang. Sie weiß ja, dass ihr sie wahrscheinlich nicht versteht. Aber sie freut sich trotzdem über ein freundliches Lächeln. Und vielleicht kann man ja doch ein paar Worte wechseln. Und daraus kann sich beim nächsten Treffen vielleicht ein kleines Gespräch ergeben. Nach dem Urlaub – zumindest bei mir war das so vor 25 Jahren – kommt dann zuhause der erste Italienischkurs, der beim nächsten Urlaub schon richtig was bringt. (Dazu habe ich hier schonmal was geschrieben.)

Und wo endet dann so eine Entwicklung? Wenn ich von mir ausgehe, in einem eigenen kleinen Häuschen in Italien mit richtig guten Freunden und einem tollen, glücklichen Leben.

Aber so weit muss es ja gar nicht kommen. Trotzdem tut Freundlichkeit gut – euch und den Gastgebern in dem Land, das ihr bereist. Vor allem natürlich in Italien.

So – das hatte jetzt mit Corona oder Covid nicht mehr ganz so viel zu tun. Mir ging es nur darum, euch die italienische Mentalität und die damit verbundene aktuelle Stimmungslage hier in meiner Region etwas näher zu bringen. Ist so auch persönlicher geworden als immer nur Wanderrouten-Beschreibungen oder technische Hilfestellungen zu Hausrenovierungen.

Andrà tutto bene!

Das soll dann so mein Fazit dieser Geschichte werden: Egal, was deutsche und italienische Politik noch an Einschränkungen bringen, egal, welches Bild die Medien von anderen Ländern und der dortigen Pandemie-Situation zeichnen, egal wie sehr ihr selbst von Corona betroffen und gezeichnet seid – es wird auch wieder besser. Und Italien bleibt euch als Urlaubsland oder zweite Heimat erhalten. Und wenn ihr euch im nächsten Jahr wieder auf Italien einlasst, auf die Natur, die Gegend und vor allem die Offenheit der Menschen, werden die Einschränkungen wieder vergessen sein. Und ihr werdet es selbst erleben: Italien kann unendlich viel geben, wenn man bereit ist, etwas tiefer einzudringen als bei einem Pauschalurlaub.

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