Italien erwacht aus dem Lockdown

Italien hat die schlimmsten Auswirkungen der Corona-Krise hinter sich gelassen und ist nun auf dem Weg zurück in die Normalität. Und da mich in den letzten Wochen viele Zuschriften erreicht haben von Menschen, die gerne wieder in ihr geliebtes Urlaubsland reisen möchten und nicht wissen, was sie da erwartet, gebe ich euch mit diesem Artikel einen kurzen Überblick über Italien nach Corona. So objektiv und nüchtern, wie es mir möglich ist. Und mit einer wichtigen Einschränkung: Ich kenne bisher nur die Situation im ländlichen Piemont, das zudem ein bisschen touristisch geprägt ist. In den Städten sieht das alles vielleicht ganz anders aus.

Ich habe mich lange geweigert, etwas über die Folgen des Corona-Virus oder die gesellschaftlichen Wirkungen von Covid-19 in Italien zu schreiben. Das hat drei Gründe: Erstens war ich in den besonders kritischen Monaten in Deutschland gefangen und deshalb viel zu weit entfernt, um mir ein eigenes, unabhängiges Bild über die Situation machen zu können. Zweitens ist das ganze Thema hinsichtlich Sinn, Folgen und Notwendigkeiten von Maßnahmen mit so viel Unsicherheiten, Eventualitäten und mittlerweile sogar Ideologien verunreinigt, dass ich mir hierzu kein Urteil erlauben möchte. Und drittens hat auch mich die ganze Situation emotional sehr berührt und zum Teil etwas überfordert. Und damit war bei mir Schockstarre angesagt – nix mit Schreiben …

Nicht alles, was in den Medien zu lesen war, trifft die Realität

Kaum vorstellbar, wie unbeschreiblich sehnsüchtig ich darauf gewartet habe, Anfang Juni endlich wieder in mein geliebtes Italien fahren zu dürfen. Und ich war extrem nervös und angespannt, was mich wohl erwartet nach diesen drei langen Monaten. Meine zweite Heimat, nahe der Grenze zur Lombardei, wo Corona besonders deutlich gewütet hat, war viel zu oft in den Schlagzeilen: Grenzschließungen, Ausgangssperre, Polizeikontrollen, Denunziantentum, viele Erkrankte und Tote … keine schöne Aussicht auf eine unbeschwerte Zukunft.

Aber die Realität stellt sich gänzlich anders dar. Ich erinnere mich an Blog-Beiträge und Zeitungsartikel, die eine depressive Gesellschaft skizziert haben, die von der Krise in eine freudlose Lethargie gedrückt wurde. Und das habe ich auch erwartet: Ängstliche Menschen, die Fremde lieber wieder wegschicken würden, wenn nicht das Geld der Touristen so wichtig wäre. Gesichter hinter Masken, argwöhnische Blicke bei zu geringem Abstand, tote Straßen.

Und wie überrascht war ich, als ich meine zweite Heimat neu erleben durfte.

Mein Italien hat sich überhaupt nicht verändert!

Ein kurzer fragender Blick der Nachbarin mit einem unsicheren „possiamo abbracciarci?“ – dürfen wir uns umarmen? – und schon lagen wir uns in den Armen, herzlich wie selten zuvor. Vielleicht ist es das, warum ich Italien so liebe: Obwohl ich absolut kein Mensch für übermäßiges Umarmen bin (Dafür muss die Freundschaft schon sehr eng sein. Und in den letzten drei Monaten war das ohnehin utopisch.), überwältigt mich diese italienische Herzlichkeit, die über allem steht. Über jeder Ansteckungsgefahr, über Sprachkenntnissen und Nationalitäten und vor allem über Geld, Besitz und Vermögen.

Und so ist das Bild auf den Straßen meiner Gemeinde: Die Menschen stehen beisammen und reden – wie immer. Sie haben ein nettes Wort für jeden, der vorbeikommt – wie immer. Sie grüßen und winken, lachen und leben – wie immer. Kein Jammern, Schimpfen oder Misstrauen.
Natürlich ist die gebotene Vorsicht vor einer Ansteckung offensichtlich: Ein Mundschutz ist nicht nur in den Geschäften überall präsent sondern zum Teil auch im Freien. Die Abstände zwischen den Menschen sind ein kleines bisschen größer geworden und die Tische vor dem Ristorante stehen etwas weiter auseinander. Aber es wirkt ungezwungen, freiwillig, irgendwie natürlich und fröhlich.

Keine Situation ist so schlimm, als dass man nicht das Beste draus machen könnte …

Auch das hat sich nicht geändert: Regeln und Gesetze sind in Italien, anders als in Deutschland, nach wie vor bestenfalls Empfehlungen. Aber als solche werden sie durchaus akzeptiert. Es gibt keine großen Diskussionen über Sinn und Unsinn der Corona-Maßnahmen, noch immer herrscht der Eindruck der letzten Monate vor. Und der lässt den gesunden Menschenverstand regieren und zieht die erforderlichen Schlüsse. Und so ist die Gesamtsituation sicher alles andere als optimal – aber eben „so wie sie ist“. Und daraus kann man doch das Beste machen, vor allem wenn man das Schlimmste schon hinter sich hat. Disziplin soweit nötig, ansonsten zählt das Schöne im Leben!

… und hier kann das politische Deutschland noch von Italien lernen.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland wurde ich gefragt, wo ich den Unterschied zwischen Deutschland und Italien im Umgang mit Corona sehe. Die Antwort gebe ich am Besten mit einer kurzen Schilderung meiner Fahrt nach Italien und zurück.

  • Von Deutschland aus nach Österreich war schon mal gar kein Problem. Wir haben keinen Grenzposten gesehen, niemand hat eine Frage gestellt, alles wie früher. Warum auch nicht? Österreich wartet schließlich auf deutsche Touristen, die sicher nicht mehr Viren mit sich herumtragen als andere Nationalitäten oder die Österreicher selbst.
    Wie die Grenzsituation zwischen Österreich und Italien aussieht ist ein anderes Thema – hierzu später mehr.
  • Dann zur Grenze zwischen Österreich und der Schweiz. Die war ja offiziell noch geschlossen. Aber auch hier eine positive Überraschung. Zum ersten mal seit über 20 Jahren erlebe ich hier einen überaus freundlichen, höflichen, fast schon netten Grenzbeamten (OHNE Mundschutz), der nach dem Zweck der Reise fragt und uns dann mit den besten Wünschen für eine gute Reise durchwinkt. Kein Vergleich zu den sonst so mürrischen, unfreundlichen schweizer Grenzern.
  • Die größte Sorge hatten wir bei der Einreise aus der Schweiz nach Italien. Denn auch diese Grenze ist offiziell noch geschlossen. Hier konnte ich mir dann auch ein ungläubiges Lachen nicht verkneifen. Denn auf schweizer Seite haben wir gar keinen Grenzbeamten entdecken können, auf italienischer Seite hat uns der Grenzposten aus seinem Häuschen heraus mit einem netten Lächeln zugewunken. Das wars! Angekommen!

Der wichtigere Teil der Geschichte kommt aber jetzt: Die Rückreise:

  • Wieder das gleiche Bild: Wir fahren unbehelligt und ohne einen einzigen Grenzbeamten zu Gesicht zu bekommen über die Schweiz nach Österreich. Hier tanken wir Super 95 für 98 Cent pro Liter – Wahnsinn! Und jetzt zurück nach Deutschland!
  • Doch was uns an der deutschen Grenze erwartet, war das Peinlichste, was mir eine Nation bislang demonstrieren konnte … wir wussten nicht, ob wir lachen sollen, weinen oder vor Scham im Boden versinken:
    Da ist die Autobahn komplett abgeriegelt. LKW fahren auf der linken Spur ohne jede Kontrolle und ungebremst durch – kein Problem.
    PKW aber kommen nur durch einen Spießrutenlauf ins Land: Da stehen rechts und links der Fahrspur 12 Bundespolizisten in Kampfausrüstung. Mit Maschinenpistole und möglichst grimmigem Blick. Immer als Paar, abwechselnd mal von links mal von rechts: Der eine behält die Gesamtsituation im Auge, um schnellstmöglich mit der Maschinenpistole eingreifen zu können, während der zweite sich hinunterbeugt, um das Geschehen im PKW so detailliert wie möglich erfassen zu können.
    Hinter der Allee schwerstbewaffneter Polizisten steht dann eine Gruppe von Polizeiautos, die so angeordnet sind, dass sie nur einen Meter nach vorne fahren müssen, um so eine Straßensperre einrichten zu können. Natürlich mit Besatzung.

Zum ersten mal in meinem Leben fühle ich mich wie im Krieg. Ich habe die Grenzkontrollen zur Hochphase der Flüchtlingskrise gesehen, bin in einem Europa aufgewachsen, das damals noch keine offene Grenzen kannte und wurde auch schon des öfteren in anderen, weniger entwickelten Ländern kontrolliert. Aber so etwas hätte ich mir in den schlimmsten Vorstellungen nicht ausmalen können.
Was für ein Bild will Deutschland seinen Nachbarn vermitteln? Ist das der Grund, warum Deutschland besser durch die Corona-Krise gekommen ist als andere? Oder ist es einfach so, dass wir manche Dinge schonungslos übertreiben, wo andere Nationen eher auf ein gesundes Augenmaß vertrauen?

Die Ironie an der Sache: Bei keinem der Autos vor oder hinter mir musste ein Fenster heruntergekurbelt werden. Es gab keine Fragen, keine Formulare, keine Ausweiskontrolle, kein Fiebermessen. Polen, Italiener, Österreicher und natürlich einige Deutsche sind letztlich alle durchgewunken worden. Selbst die meisten der Bundespolizisten haben weder Mundschutz getragen noch den vorgeschriebenen Abstand gehalten. Die ganze Veranstaltung war absolut nutz- und ergebnislos. Wenns um Geld, Waren, Konsum geht, kommt der deutschen Politik jede Lockerung gelegen. Aber wenn’s „nur“ um Menschen geht …?

Die letzten zwei Wochen waren in vielerlei Hinsicht wirklich überraschend, vor allem, wenn ich beobachte, wie die Italiener den Lockdown hinter sich lassen und im Gegensatz dazu die Deutschen. Lebensfreude und Optimismus auf der einen, Verschwörungstheorien, Misstrauen und Finanz-Diskussionen auf der anderen Seite. Alles hat seine Berechtigung – aber mir ist der italienische Weg lieber.

Noch ein paar Tipps, was ihr im nächsten Italien-Urlaub beachten solltet

Bis hierher konnte ich meine Eindrücke und Sichtweisen als Fast-Italiener beschreiben, die vor allem mich und mein Leben in Italien betreffen. Aber es gibt darüber hinaus auch eine zweite, weniger schöne Seite der Corona-Krise. Nämlich die, dass Italien sich lange Zeit isoliert gefühlt hat und als das europäische Schmuddelkind bei den Covid-19-Infektionen herhalten musste. Diskussionen um Corona-Bonds, wenig europäische Hilfe und unbedachte Medienberichte haben ihre Spuren hinterlassen, die auch die Vorbehalte der Italiener gegenüber anderen Ländern teils sehr negativ beeinflusst haben.

Natürlich kann ich hierzu keine objektiven und allgemein gültigen Aussagen treffen, aber meine wichtigsten Eindrücke möchte ich euch nicht vorenthalten. Eindrücke, die ich aus einigen Gesprächen und langen Abenden, teils mit viel Bier und Wein, gewonnen habe. Könnt ihr euch zu Herzen nehmen, müsst ihr aber nicht!

Die deutsch-italienische Freundschaft hat nicht gelitten …

Das ist gerade nochmal gut gegangen. Abgelehnte Corona-Bonds und finanzielle Hilfen hin oder her – meine Freunde in Italien bleiben Deutschland und den Deutschen gegenüber sehr positiv eingestellt. Einige sind sogar richtige Deutschland-Fans. Und die meisten sehen die Diskussion um finanzielle Unterstützung Italiens objektiv und selbstkritisch wie nie zuvor. Mit anderen Worten: Sie können verstehen, dass manche Länder keine gemeinsamen Schulden mit Italien wollen – sie selbst würden dem eigenen Land nämlich auch keinen Cent leihen.
Jetzt müssen die Deutschen nur wieder nach Italien in Urlaub fahren und ihren Geldfetischismus etwas für sich behalten, dann ist alles wie zuvor.

… was man von anderen Ländern so nicht sagen kann.

Vielleicht war es ja ausnahmsweise mal ganz gut, dass sich in Deutschland (wie immer) alles nur ums Geld gedreht hat. Andere Länder sind da ein paar Schritte weiter gegangen. Ich hab’s nicht so verfolgt in den Medien, aber vor allem die Niederlande, die Schweiz und Frankreich haben die Italiener anscheinend intensiv als Virenschleudern Europas dargestellt. Kam in Italien zumindest so an.
Das hat tiefe und spürbare Narben hinterlassen.
Dabei unterscheiden die Italiener sehr wohl zwischen politischen Maßnahmen (wie die teils übertriebenen Grenzschließungen der Schweiz und Österreichs) und der allgemeinen Stimmungslage, die über die Medien transportiert wird.

Hier ist meine dringende Empfehlung an alle Niederländer, Schweizer und Franzosen, die ihren Urlaub in Italien verbringen, etwas sensibler auf diese empfundenen Kränkungen zu reagieren. Zeigt euren Gastgebern, dass sie keinesfalls wie Aussätzige zu behandeln sind und legt auch bei den Hygienemaßnahmen keine höheren Maßstäbe an als zuhause. Die Regeln in Italien sind strenger als in vielen anderen Regionen und das Bewusstsein innerhalb der Bevölkerung ist ebenfalls groß. Hinzu kommt, dass Italien sehr viel transparenter mit den Corona-Zahlen umgeht als beispielsweise Deutschland. Und diesen Statistiken lässt sich entnehmen, dass Italien mehr testet als Deutschland, der Anteil positiver Tests aber weit unter denen in Deutschland liegt. Italien hat eine harte Zeit hinter sich, ist aber keine Virenschleuder mehr!

Eine Sonderstellung nimmt aktuell Österreich ein in der Wahrnehmung meiner italienischen Bekannten. Hier ist wohl sehr viel Porzellan zerdeppert worden. Und die Grenzschließungen Österreichs, die weit über alle anderen europäischen Maßnahmen hinausgehen (sieht man mal von den Regelungen gegen Schweden ab), haben das Fass zum Überlaufen gebracht – zumal Österreich aus der Sicht vieler Italiener in der ganzen Corona-Geschichte auch nicht unbedingt eine weiße Weste vorzuweisen hat – wie übrigens auch Deutschland. Oder geht’s nur darum, die Touristen in Österreich zu halten und einen Übertritt nach Italien so lange wie möglich zu verhindern? In diese Richtung habe ich etliche Bemerkungen und Vorbehalte in ungewohnter Deutlichkeit mehr als einmal vernommen. Eine solche Abneigung gegen eine ganze Nation habe ich in Italien selten so gespürt.

Vielleicht wäre es für Österreicher besser, sich in Italien erst mal als Deutsche auszugeben … oder den Italienurlaub auf das nächste Jahr zu verschieben? Vielleicht sieht das aber in anderen Regionen Italiens ganz anders aus und ich habe nur besonders kritische Freunde … wie gesagt, das sind keine objektiven und absoluten Aussagen sondern nur vage Eindrücke, die ich in den wenigen Tagen in Italien gewonnen habe.

Ansonsten steht einem Besuch im schönsten Land der Welt kaum mehr etwas entgegen. Ihr werdet Italien so vorfinden, wie ihr es von früher kennt. Natürlich gibt es noch ein paar Einschränkungen und jeden Tag kleine Änderungen. Auch kann es sein, dass Euer Lieblingsrestaurant heute noch nicht geöffnet hat. Aber wer erwartet jetzt schon absolute Normalität?

Andrà tutto bene! Alles wird gut!

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